I. Malerei und Zeichnung

Eberhard Bitter konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei unterschiedliche Techniken: Malerei und Zeichnung.
Seine Gemälde sind alle in Acryl auf Leinwand gemalt. Bei den Zeichnungen handelt es sich um Tuschebilder, deren transparente Liniengeflechte die Fragilität der Körpervolumen umschreibt. Man könnte versucht sein, die Zeichnungen ausschließlich als vorbereitende Studien zu seinen großformatigen Acrylgemälden zu betrachten, aber das würde der Sache nicht gerecht. Sie stehen als eigenständige Formulierungen plastischer Bildhaftigkeit, konstruieren Körper in einer Transparenz, wie sie nur diesen Blättern eigen ist.

Eberhard Bitter vermag auf besonders eindrucksvolle Weise die Besonderheit der Aktionsmomente seiner Figuren, sowie Sinnlichkeit, Ästhetik und die außergewöhnliche Präsenz der plastisch wirkenden Erscheinungen in seinen expressiven, atmosphärisch stark verdichteten Darstellungen zu bündeln und ihnen ungewöhnliche narrative Momente zu verleihen.

Bei den »Körperbildern« haben wir es mit Darstellungen äußerst expressiver Figuren von eigentümlich mysteriöserer Erscheinung zu tun. Der Anblick dieser Gestalten berührt den Rezipienten einerseits fast schmerzlich in seinem Innersten, andererseits wird er sich der kruden Faszination dieser Darstellungen nur schwerlich entziehen können … .
Auffällig ist die Ästhetik anatomischer Begebenheiten, aber viel mehr noch die motivische Intention komplexer zwischenmenschlicher Kommunikation.

Eberhard Bitter behandelt in seinem Werk das ganze Repertoire menschlicher Gefühle und Handlungsweisen wie z. B. Verzweiflung, Angst, Schrecken, Ablehnung, aber auch Nähe, Zuneigung, Trost, Gemeinsamkeit und Trennungsschmerz. Wir finden Personen in einsam isolierter Position genauso, wie zweisam, einander zugewandt, in Beziehung zueinander. Dem Künstler scheint es besonders darauf anzukommen, Bewegung und Statik der Figuren als Gegensatzpaare zu behandeln.

Das Geheimnis dieser Bilder liegt in ihrer permanenten Doppeldeutigkeit, mit der sie den Betrachter in ihren Bann ziehen: aktive lebendige Bewegung steht kontrastierend zur erstarrenden Pose, vitaler Ausdruck gegen morbiden Charme.

Die menschlichen Körper Eberhard Bitters, oder vielleicht besser gesagt die »figurativen, plastisch formulierten, menschlichen Abbilder« – sieht man in seinem Gesamtwerk sowohl stehend, gehend, sich drehend, windend, springend, kriechend, stürzend, fallend, liegend, sitzend als auch tanzend … kurzum: sich bewegend oder in bestimmten Posen verharrend. Ganz ungewöhnliche Perspektiven, aus denen heraus der Betrachter die Figuren visualisiert, bannen das Auge – immer nah dran, oft viel näher, als es dem Rezipienten vielleicht lieb ist … .

Es sind – bis auf wenige Ausnahmen – keine Porträts oder Akte bestimmter Personen, vielmehr handelt es sich um Variationen der Darstellung der puren, menschlichen Existenz.
Die malerische Stringenz unterstreicht dabei die Eigenart der Kreatur. Der Vanitasgedanke, also der Gedanke an die Vergänglichkeit allen Seins, drängt sich hier vehement auf. Die Körper scheinen lediglich aus konstruierten Farbhüllen zu bestehen – Körper als Fragmente, wenn man so will.

Eberhard Bitters Maltechnik lässt sich als expressiv, figurativ, abstrahierend, sowohl groß- als auch kleinflächig, schattierend, von Hell – Dunkel – Kontrasten dominiert, stellenweise explizit angestrahlt und letztendlich aus einem Wechsel von linearer und flächenhafter Strukturierung resultierend, charakterisieren. Relativ neue Motive im Werk Eberhard Bitters stellen Bäume, Felsen und Wirbelknochen dar, immer fokussiert auf bestimmte Ausschnitte, eine ganz bestimmte Perspektive berücksichtigend, dabei jedoch trotz des Sujetwechsels immer seinem Stil treu bleibend.


Anke Schmich
Kurzfassung einer Eröffnungsrede • 2009



II. Ein Augenblick – für immer

»Der Künstler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.«
Caspar David Friedrich

Dass das äußere Erscheinungsbild die Wirklichkeit nicht wahrhaftig abzubilden vermag, ist nicht erst seit dem Romantiker Friedrich bekannt. In seinen verklärenden Naturdarstellungen und Sehnsuchtsbildern setzte er auf die Dominanz der Innenbilder, wobei die menschliche Figur eine zentrale Rolle spielte.

Der Mensch steht auch im Mittelpunkt der Malerei von Eberhard Bitter. Bildfüllend, ja zum Teil das Bildformat sprengend, rückt er den Menschen ins Zentrum. Im Gegensatz zu C. D. Friedrich verzichtet er jedoch auf eine Lokalisierung, eine Verortung der Figur in eine bestimmte Umgebung oder Landschaftsszene. Er konzentriert sein Augenmerk völlig auf das Individuum, das dem Betrachter in der Regel nackt und ungeschminkt gegenübertritt.

Dazu wird die Leinwand von Eberhard Bitter zunächst mit einem farbigen Malgrund überzogen. Schattierungen und Malspuren werden hier nur behutsam eingesetzt. Aus diesem Fond scheinen sich dann die Figuren hervorzuschälen, ja zwingend hervorzubrechen. Sie sind plastisch wie Skulpturen angelegt und erinnern an anatomische Studien menschlicher Körper. Sie schaffen Raum durch ihre Nahansichtigkeit oder Variationen mehrdimensionaler Ansichten. Dies gilt gleichermaßen für die Einzelfiguren wie auch für Paare oder Figurengruppen.

Ausgewählt ist ein bestimmter Moment, in dem sie dem Betrachter gegenüber treten. Dies können zufällige Formationen oder Konstellationen sein, wie die sich beiläufig begegnenden Passanten in dem Bild »Wollen…«. Es können aber auch Bewegungspositionen sein wie in der durch Tanz und Improvisation beeinflussten Serie von Arbeiten wie »durchlebt«, »Findung« oder »An-Ziehung«. Meist sind es exaltierte Positionen mit ausladenden Körpergebärden, die durch extreme Auf- oder Untersicht noch verstärkt werden. Aber es gibt auch das andere Extrem, wie die Beispiele aus der Serie »Ruhe-los« (siehe Abbildung oben) zeigen, deren Sujet der in sich gekehrte, zusammengekauerte Körper ist. Dargestellt ist nur ein Augenblick, doch gemalt ist er für immer. Im nächsten Moment kann die Gebärde sich verflüchtigen, der Schritt vollführt sein, der Sprung beendet oder die Ruhephase vorbei. Das Thema der Malerei ist der augenblickliche Zustand. Die im Fluss befindliche Position zwischen Vergangenheit und Zukunft wird für einen Moment angehalten. Daraus resultiert, dass die Zeit für die Betrachtung, für die Empfindung des Werks, sich unendlich ausdehnen kann. Der Augenblick wird für die Ewigkeit eingefroren.

Bei Eberhard Bitter bestimmt das Helldunkel seiner Malerei die Erscheinung der Figur. Dabei verzichtet er völlig auf Kleidung, die normalerweise den Körper einhüllt oder verdeckt. Mit expressionistischem Pinselgestus setzt der Maler seine Farbflecken, Striche und Linien. Wie in einer anatomischen Zeichnung werden die Körperkonturen des entblößten Leibes markiert, einzelne Muskelpartien oder Sehnenstränge aufgezeigt. Eine Idealfigur finden wir selten. Es sind die von der Realität, von den Spuren des Lebens, des Alters gezeichneten Körper, die wir aus dem Alltag kennen.

Der unbekleidete Körper bei Eberhard Bitter bezieht sich zwar auf ein konkretes Individuum, wird aber zum Ausdruck einer abstrakt allgemeinen Idee, das Dasein des menschlichen Wesens.

In seinen Bildern versucht er, die Präsenz einzufangen. Die Präsenz ist der Augenblick, der den Gang der Geschichte unterbricht. Zur Erinnerung daran, dass etwas da ist, bevor das, was da ist, irgendeine Bedeutung hat. Diese Vorstellung kann man mystisch nennen, da es sich um das Geheimnis des Seins handelt.


Leane Schäfer
Direktion Städtisches Museum Gelsenkirchen


II. Zu den Diptychen von Eberhard Bitter

Siehst du nicht an meinen Bildern, dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethes Gedicht »Gingo biloba« mündet in die wunderbare Frage: » Fühlst du nicht an meinen Liedern, Daß ich Eins und doppelt bin?«

Dieser Frage voraus geht die lyrische Betrachtung eines Gingko-Blattes, denn je nach Blickrichtung kann man die Aufteilung eines Ganzen beschreiben oder die Einswerdung von zwei Teilen.
Die paradoxe Doppelnatur (Trennen/Vereinen; Einheit/Vielheit), die Goethe in der Natur beobachtet, bezieht er sowohl auf seine Kunst (»meine Lieder«), als auch auf sein eigenes Wesen. Knapp 200 Jahre nach des Dichters Worten wären wir vielleicht froh, wenn wir nur »Eins und doppelt« sein könnten. Heute müssen multiple Identitäten gelebt werden, und die Frage ist, ob wir es noch vermögen, in zerstreuter Vielheit das Gefühl einer sammelnden Einheit zu entwickeln.

Schauen wir auf das Werk von Eberhard Bitter, so fällt eine nicht geringe Anzahl zweiteiliger Bilder auf, zwar nicht hälftig geteilt, wie das klassische Diptychon, sondern meist im Verhältnis von etwa ein Drittel zu zwei Drittel. Auch materialiter sind die Bilder getrennt, separate Leinwände also, die doch als Ganzes komponiert scheinen: »Wozu ein JA, wenn ihm ein ABER folgt«, »Wenn in der Begegnung bereits die Trennung liegt«, »Unsere Nähe, unsere Haut«, »Voneinander«, »Möglichkeiten, die wir ergreifen können, oder nicht«, »... zuhören kann, dann passiert etwas ...«.

Trotz postmodern multipler Identitäten bleibt das menschliche Leben von grundsätzlichen Zweiheiten bestimmt, ist unser Wesen in ewige Bipolaritäten eingespannt, etwa zwischen Hell und Dunkel, Chaos und Ordnung, Männlich und Weiblich, Leben und Tod. Ein solcherart geprägter Blick erkennt in Bitters Diptychen die motivische Ausdifferenzierung der zweipoligen Spannung, worin die spezifische Wirkung der großformatigen Arbeiten begründet ist. Wir sehen menschliche Posen, Gesten, Körper-haltungen, dargestellt in den Gegensatzpaaren offen/geschlossen, einsam/gemeinschaftlich, euphorisch/depressiv, gekrümmt/gestreckt, sich umschlingend/sich meidend, tanzend/kauernd.

Maltechnik und Komposition unterstützen den Charakter der (motivischen) Zweiheit, denn der erste Blick auf die Bilder trügt. Die Figuren sind gar nicht so deutlich konturiert und komplett ausgearbeitet, wie unser Auge zunächst glauben macht. Erst auf den zweiten, ruhigeren, analytischen Blick erkennen wir, dass uns der Künstler das Ganze nur im Fragmentarischen zeigt: keine Gesichter, Körperstudien zwischen schneller Skizze und elaborierter Malerei, mit dem Pinsel angefertigte Zeichnungen fast, die uns Figuren in mehrdeutigen Räumen zeigen oder auf unsicherer Fläche, brüchig gezeigte Figuren, durch deren transparente Konturen sich der Hintergrund in den Vordergrund drängt – oder umgekehrt? Wird Schatten zu Licht oder Licht zu Schatten? Wird aus Zuwendung Abneigung oder aus Ferne Nähe? Unser Auge ist in Bewegung, versucht Querverbindungen aufzubauen und Bezüge herzustellen, was das eine Mal gelingt und ein anderes Mal fehlschlägt und dann wieder gelingt.

Es ist diese ständige Pendelbewegung unseres Blickes, welche die Bildteile miteinander kommunizieren lässt und welche in dieser Kommunikation sehenden Auges die Widersprüche und Gegensätze zwar nicht auflöst oder einschmilzt, sondern als sich gegenseitig bedingende Wesenszüge erkennen lässt. Nicht das Entweder-Oder liegt in den Bildern Eberhard Bitters, sondern das Sowohl-Als auch: sowohl die Umarmung als auch die Trennung, sowohl die offenen als auch die verschränkten Arme, sowohl das einsame Kauern als auch der ausgelassene Tanz.

Doch nicht nur wir als Betrachter lassen die Bildteile und Motive in Austausch und Beziehung miteinander treten, der Maler selbst stellt eine bestimmte Form des Kommunizierens dar. Viele seiner Bilder sind von der »Contact-Improvisation« inspiriert, einer spontan-tänzerischen Aktion, in welcher sich der Dialog der Körper frei entwickeln kann, und zwar jenseitig unserer stereotypen Bewegungsabläufe und Körperhaltungen.

Die Contact-Improvisation buchstabiert ein neues Alphabet der Körpersprache, rätselhaft bisweilen, überraschend im Gestus, offen gegensätzlich und kaum abschließend zu deuten – wie die Diptychen von Eberhard Bitter.

Dr. Hermann Ühlein



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